Definition
Das Lymphödem ist eine eigenständige chronische Erkrankung als Folge einer primären (angeborenen) oder sekundären (erworbenen) Lymphtransportstörung. Im weiteren Verlauf ist die Erkrankung durch eine Veränderung des Gewebes gekennzeichnet. Mit entsprechenden Therapiemaßnahmen kann eine Symptomfreiheit (ödemfreier Zustand trotz eingeschränkter Transportkapazität) oder mindestens die Vorbeugung des Fortschreitens und Komplikationen des Lymphödems erreicht werden.
Formen der Lymphgefäß- und Lymphknotenerkrankungen
| Primär | Sekundär |
|---|---|
| zu wenig | Lymphknotenentfernung |
| erweiterte | Bestrahlung |
| Lymphknotenverhärtung | bösartige Prozesse |
| Fehlen von Lymphknoten | gutartige Geschwulste |
| Venenentnahme zur Bypass-Operation | |
| nach Unfällen | |
| nach Infektionen | |
| künstlich | |
| Endstadium der chronischen Venenerkrankung | |
| Gefäßerkrankungen bei internistischen Erkrankungen |
Formen der klinischen Lymphödemmanifestation
| Manifestationsalter | Manifestationsform |
|---|---|
| von Geburt an | akut |
| Lymphoedema praecox (vor dem 35. Lebensjahr) | subakut |
| Lymphoedema tardum (nach dem 35. Lebensjahr) | spät |
Diagnostik
Ziel der Diagnostik bei einem Lymphödem ist es, die Ursache und die Ausprägung des Krankheitsbildes festzustellen sowie das Lymphödem von anderen mit Ödemen einhergehenden Erkrankungen abzugrenzen.
Basisdiagnostik (AIP)
1. Anamnese
Bei der Erhebung der Anamnese ist auf Folgendes zu achten:
- zeitlicher Verlauf der Ödementstehung
- chirurgische Eingriffe
- bösartige Erkrankungen
- abgelaufene entzündliche Prozesse
- Traumatisierungen, Weichteilverletzungen
- Erkrankungen der Venen und Arterien
- Schmerzangaben
- Erysipelhäufigkeit
- Funktionszustand
- Begleiterkrankungen
- Medikamenteneinnahme
- psychosoziale Situation
- familiäre Belastung
- bisherige Lymphödemtherapie
2. Inspektion
Bei der klinischen Untersuchung muss auf Folgendes geachtet werden:
- Ein- oder Beidseitigkeit
- erweiterte Hautlymphgefäße
- Lymphzysten
- Papillomatose (warzenähnliche Veränderungen)
- Gewebeverhärtungen
- Hautfaltenbildung
- Hautverfärbung
- Ödemausdehnung
- arterieller und venöser Gefäßstatus
- orthopädische und neurologische Untersuchung
- Befund der Haut
- Herz-Kreislauf-Befund
3. Palpation
- weich
- hart
- prall-elastisch
- Dellenbildung
- Stemmer´sches Zeichen
Aufgrund der klinischen Untersuchung kann auch das Stadium des Lymphödems festgestellt werden:
- Stadium 0: keine Schwellung, pathologisches Lymphszintigramm
- Stadium I: Ödem von weicher Konsistenz, Hochlagern reduziert Schwellung
- Stadium II: Ödem mit sekundären Gewebsveränderungen, Hochlagern ohne Wirkung
- Stadium III: elephantiastische harte Schwellung, häufig lobuläre Form mit typischen Hautveränderungen
Erweiterte Diagnostik
Bei klinisch nicht eindeutigen Befunden ist die Isotopenlymphographie zur Quantifizierung des Lymphabflusses und die indirekte Lymphographie mit wasserlöslichen Kontrastmitteln zur Untersuchung und Darstellung der initialen und weiterführenden Lymphbahnen indiziert. Die klassische ölige Lymphographie ist nur noch bestimmten seltenen onkologischen Fragestellungen vorbehalten.
Bei Verdacht auf ein malignes Lymphödem, z.B. rasche Progression und Schmerzen, muss ein Tumorgeschehen mit bildgebenden Verfahren (z.B. Sonographie, Computertomographie, MRT usw.) ausgeschlossen werden.
Bei Verdacht auf Erkrankungen der Venen und Arterien sind LRR, Ultraschall-Doppler, Oszillographie, tpcO2 und gegebenenfalls duplexsonographische Untersuchungen erforderlich.
Ergeben sich Anhaltspunkte für orthopädische oder neurologische Erkrankungen, sind die Messungen der Winkelmaße (Neutral-Null-Methode), Muskelkraft, gegebenenfalls Nervenleitgeschwindigkeit und EMG angezeigt.
Bei Verdacht auf eine Herzinsuffizienz sind cardiovasculäre Funktionsuntersuchungen empfehlenswert.
Neben der Routinelabordiagnostik (ASL, CRP, BKS, Stoffwechselparameter usw.) können weiterführende endokrinologische und immunologische Untersuchungen erforderlich werden.
Umfangs- und Volumenmessungen sowie Messungen der Hautdicke dienen der Therapiekontrolle.
In der Lympho-Opt Klinik
werden neben der AIP auch die hochauflösende Sonographie zur Darstellung der Marshall´schen Lymphspalten und der Ödemflüssigkeit im Gewebe sowie die Farbduplexsonographie in der Diagnostik eingesetzt.
Zur Dokumentation im Rahmen des Qualitätsmanagements erfolgt die Bio-Impedanz-Analyse (Körperzusammensetzung) und die optoelektronische Messung der Extremitäten.
Therapie
Das Ziel der Therapie der Lymphödeme ist es, die Krankheit in das Latenzstadium oder zumindest in das Stadium I zurückzuführen. Die Therapiemaßnahmen bezwecken:
- Verbesserung des Lymphabflusses
- Erweichung verhärteter Gewebsveränderungen
- Reduktion der Bindegewebsvermehrung
- Aufhebung oder Verbesserung der Funktionsdefizite der Gliedmaßen, um die Wirksamkeit der Muskel- und Gelenkspumpe zu erhöhen
Heute bekannte Therapieformen und ihre Wirkung
| Therapieform | Therapiewirkung | |||
|---|---|---|---|---|
| Erhöhung des Lymphzeitvolumens | Erweichung der Verhärtungen | Reduktion des vermehrten Bindegewebes | Verbesserung der Funktionsdefizite der Gliedmaßen | |
| I. Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) | + | + | + | + |
| II. Chirurgie a) Mikrochirurgische Rekonstruktion |
+ | - | +/- | - |
| b) Resektive Verfahren | - | - | + | - |
| III. Medikamente: z.B. Benzopyrone | +/- | +/- | ? | - |
| IV. Thermotherapie | +/- | + | ? | - |
| V. Apparative Druckwellenmassage | +/- | +/- | ? | - |
| VI. Liposuktion | - | - | + | - |
In der Lympho-Opt Klinik werden neben diesen Therapien zusätzlich noch eingesetzt:
- Hivamatbehandlung (Behandlung im elektrostatischen Feld)
- Flowave (Behandlung mit hörbaren Schallwellen zur Erzeugung von Bio-Resonanz)
- Softlaserbestrahlung
- Ultracavitation (Zerstörung von Fettzellen mittels Ultraschall)
- Infrarotkabine zur Wärmetherapie bei Lipödemen
- Apparative Druckwellentherapie mittels Kompressionshose und Kompressionsjacke
- Bei Ulcus cruris-Patienten erfolgt anfänglich zur Keimabtötung die Begasung mit Ozon, dann Begasung mit Kohlensäure zur Verbesserung der Durchblutung.
Stadiengerechte Basistherapie des Lymphödems
| Stadien | Merkmale | Phase I Entstauung |
Phase IIa Optimierung |
Phase IIb Konservierung |
|---|---|---|---|---|
| Stadium 0 | keine Schwellung, pathologisches Lymphszintigramm | |||
| Stadium I | Ödem von weicher Konsistenz, Hochlagern reduziert die Schwellung | ML: 1 x täglich, Kompr.-Bandagen, Bewegung, Dauer 14-21 Tage | ML: in Serien, Kompr.-Strümpfe bei Bedarf oder konsequent auf Dauer | |
| Stadium II | Ödem mit sekundären Gewebeveränderungen, Hochlagern ohne Wirkung | ML: 2 x täglich, Kompr.-Bandagen, Bewegung, Dauer 24-28 Tage | ML: 1-2 x wöchentlich für die Dauer von 2-5 Jahren, Kompr.-Strümpfe und Bandagen, Bewegung, Wiederholung der Phase I: 2-3 x |
ML: in Serien oder 1 x wöchentlich, Kompr.-Strümpfe konsequent auf Dauer, Bewegung |
| Stadium III | Elephantiastische harte Schwellung, häufig lobuläre Form mit typischen Hautveränderungen | ML: 2-3 x täglich, Kompr.-Bandagen, Bewegung, Dauer 28-35 Tage | ML: 2-3 x wöchentlich für die Dauer von 5-10 Jahren, Kompr.-Strümpfe und Bandagen, Bewegung, Wiederholung der Phase I: 3-8 x, evtl. chirurgische Maßnahmen |
ML: in Serien oder 1-2 x wöchentlich, Kompr.-Strümpfe konsequent auf Dauer, Bewegung |
ML = Manuelle Lymphdrainage; Hautpflege wird stets durchgeführt.
Die in dieser Tabelle zusammengestellten Daten gelten vorrangig für Gliedmaßenlymphödeme. Wird die KPE-Phase I ambulant durchgeführt, ist eine Krankschreibung empfehlenswert.
Basistherapie
Die Basistherapie ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE), bestehend aus manuellen Lymphdrainagen, speziellen Kompressionsbandagen bzw. medizinischen Kompressionsstrümpfen und entstauenden Bewegungsübungen sowie der Hautpflege.
Die KPE ist eine Zwei-Phasen-Therapie. Die Phase I der KPE bezweckt die Mobilisierung der rückgestauten eiweißreichen Ödemflüssigkeit und leitet, falls vorhanden, die Reduktion der Bindegewebsvermehrung ein.
In der Phase I müssen die Anwendungen hoch dosiert werden (siehe Tabelle).
Modifizierung der KPE
Liegt das Lymphödem in Kombination mit anderen Erkrankungen vor, so ist häufig eine Modifizierung der einzelnen physikalischen Maßnahmen erforderlich. Die wichtigsten Erkrankungen, bei denen die Anwendung auf den Zustand des Patienten individuell abgestimmt werden müssen, sind:
- arterielle Hypertonie mit coronarer Herzerkrankung und/oder Herzinsuffizienz
- Diabetes mellitus, insbesondere in Kombination mit diabetischer Neuropathie und Mikro- und Makroangiopathie
- chronisch-venöse Insuffizienz Stadium III (Dermoliposklerose mit oder ohne Ulcus cruris)
- maligne Erkrankungen (in Fällen von Krebsrezidiven als palliative Maßnahme)
- Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises
Kontraindikationen
Die Kontraindikationen der KPE sind
- Erysipel
- akute Thrombophlebitis/Phlebothrombose
- Herzinsuffizienz
- arterielle Verschlusskrankheit
Erweiterte Therapie
Additive Physiotherapie
Je nach klinischem Befund können zusätzliche Maßnahmen aus der physikalischen Therapie, wie z.B. Gelenkmobilisationen, PNF, erforderlich werden.
Chirurgische Maßnahmen
Bei einer lokalen Lymphbahnunterbrechung kommt neben einer konsequenten KPE als operative Maßnahme der ersten Wahl die mikrochirurgische Rekonstruktion der Lymphgefäße in Betracht, z.B. autologe Lymphgefäßtransplantation, mikrochirurgische lymphovenöse Anastomosierung.
Hautresektionen nach erfolgter KPE stellen komplementäre Maßnahmen dar, wenn leere Hautsäcke abgetragen werden sollen. Ausgedehnte Resektionsoperationen werden in Europa nur ausnahmsweise durchgeführt.
Medikamentöse Therapie
Benzopyrone: Eine medikamentöse Therapie der Gliedmaßenlymphödeme mit Benzopyronen kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt und hierzulande nur als eine KPE-ergänzende Adjuvante gelten.
Diuretika: Eine kontinuierliche Behandlung mit Diuretika ist bei gutartigen Lymphödemen nicht indiziert, da ihre Wirkung marginaler Natur und mit potentiellen Nebenwirkungen behaftet ist. Bei malignen Lymphödemen kann die Verabreichung von Langzeit-Diuretika erforderlich sein. Wenn ein Lymphödem mit einer Krankheit kombiniert ist, die eine Behandlung mit Diuretika erforderlich macht, so müssen diese eingesetzt werden.
Antibiotika: Bei akutem Erysipel oder Antibiotikaprophylaxe bei rezidivierendem Erysipel.
Thermotherapie
Die aus China stammende Technik beinhaltet neben der Wärmeapplikation eine Kompressionstherapie. Zwar wurde diese Behandlung auch in Europa wirksam beschrieben, jedoch bedarf sie weiterer kontrollierter Studien.
Apparative intermittierende Kompression
Die apparative intermittierende Kompression dient der Unterstützung der Basistherapie und hilft bei der Kompressionstherapie.
Liposuktion
Diese Methode ist mit der Amputation des Bindegewebes gleichzusetzen. Nach dem Eingriff erfolgt eine fünf- bis sechstägige Nachbehandlung bei Lipödempatienten sowie eine 14-tägige spezielle Nachbehandlung bei Liposuktionen an Lymphödemen.
Ultracavitation
Dabei werden Fettzellen mittels Ultraschall zerstört.
Operative Therapien
Lymphologische Liposuktion
Bei der Fettabsaugung in Tumeszenz-Lokalanästhesie wird nach Betäubung des Gewebes eine lange, stumpfe "Nadel" in das Unterhautfettgewebe eingeführt. Die Hautschnitte, die hierzu angelegt werden müssen, sind nur vier bis sechs mm lang und nach wenigen Wochen kaum noch sichtbar. Trotz weniger kleiner Hautschnitte kann reichlich Fettgewebe dauerhaft entfernt werden. Einmal abgesaugte Fettzellen werden nicht neu gebildet. Bei dieser Methode der Fettabsaugung besteht kaum eine Gefahr der Verletzung von Nerven, größeren Blutgefäßen oder Lymphgefäßen.
Shaving-Operation bei warzenähnlichen Veränderungen
Mit einem speziellen Messer können warzenähnliche Veränderungen der Haut, die durch das Lymphödem entstanden sind, entfernt werden.
Lipokavitation
Bei der Lipokavitation werden Fettzellen durch hoch-intensiven fokussierten Ultraschall ohne Schmerzen zerstört. Die Behandlung erfodert genau wie die Liposuktion eine intensive Nachbehandlung von ein bis zwei Wochen in der Klinik.














